Verkehrsrecht: Wer hat Schuld am Unfall? (1/2)

von Michael Forster

 

Jedem Autofahrer kann es passieren, dass er in einen Verkehrsunfall verwickelt wird. Eine absolut eindeutige Klärung der Verschuldensfrage ist nur selten möglich.

Dies kommt zum einen daher, dass die Verkehrsregeln der Straßenverkehrsordnung nicht immer einfach durchschaubar sind, und zum anderen daher, dass bei jedem Unfall die Umstände des Einzelfalles zu berücksichtigen sind.

Selbstverständlich gibt es die eindeutigen Fälle, in denen einen Beteiligten die volle Schuld trifft. Dies ist etwa der Fall, wenn jemand die Vorfahrtsregelung missachtet und dadurch einen Zusammenstoß verursacht, den der Unfallgegner nicht mehr vermeiden konnte, oder wenn ein Pkw auf das Heck eines vor ihm fahrenden Pkw auffährt, ohne dass dieser ein willkürliches Bremsmanöver durchgeführt hätte. In diesen und vergleichbaren Fällen ist das Verschulden des einen Unfallbeteiligten so groß, dass sogar die sog. Betriebsgefahr des anderen Beteiligten zurücktritt und er seinen Schaden komplett ersetzt bekommt.

Schwieriger zu beurteilen sind jedoch Fallgestaltungen, bei denen beide Beteiligte ein Mitverschulden trifft.

Ist nicht das Verhalten eines Einzelnen, sondern das Zusammenspiel beider Beteiligter ursächlich für den Unfall, so wird bei der Regulierung des Unfalls je nach Verschuldensgrad im Einzelfall eine Quotelung getroffen.

Durch diese Quote wird bestimmt, in welcher Höhe der jeweilige Beteiligte Schadensersatz bei der gegnerischen Pkw-Haftpflicht-versicherung verlangen kann.

Ein häufiger Irrtum diesbezüglich ist der, dass bei einer Quote von 50:50 jeder seinen eigenen Schaden trägt. Dies ist jedoch nicht richtig. Dadurch würde derjenige, der einen höheren Schaden an seinem Pkw erlitten hat, schlechter gestellt. Es bedeutet vielmehr, dass jeder Beteiligte von der gegnerischen Haftpflichtversicherung die Hälfte (50%) seines Schadens ersetzt bekommt und die andere Hälfte selber trägt.

Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist, dass man sich nur dann einen Rechtsanwalt nehmen sollte, wenn man über eine Verkehrs-Rechtsschutzversicherung verfügt. Die Rechtsanwaltskosten sind genauso wie Reparaturkosten/Wiederbeschaffungskosten, Gutachterkosten, Nutzungsausfall, merkantiler Minderwert, Schmerzensgeld, Haushaltsführungsschaden/ vermehrte Bedürfnisse usw. von der gegnerischen Versicherung zu ersetzen.

Das bedeutet, dass man eigentlich nach jedem Verkehrsunfall einen Anwalt konsultieren sollte. Trägt ein Beteiligter an einem Unfall kein Mitverschulden, so werden ihm seine Anwaltskosten voll erstattet, er hat selbst keinen Aufwand und erhält auch alles, was ihm zusteht. Die Erfahrung zeigt, dass Unfallgeschädigte, welche von einem Anwalt vertreten wurden, meist eine höhere Entschädigung von der gegnerischen Pkw-Haftpflichtversicherung erlangen konnten.

Trifft den Beteiligten ein Mitverschulden an dem Unfall, so erstattet die gegnerische Versicherung die Kosten eines Rechtsanwalts gemäß der Verschuldensquote. Hiermit begnügen sich allerdings viele Anwälte, so dass die Inanspruchnahme des Anwalts für den Beteiligten wiederum kostenlos ist.

Die Haftungsquote bei einem Verkehrsunfall zu beurteilen ist meistens sehr schwierig.

Zunächst ist davon auszugehen, dass das Fahren mit einem Kfz grundsätzlich in gewisser Weise gefährlich ist. Rechtlich spricht man von der sog. „Betriebsgefahr“.

Da die Betriebsgefahr bei zwei Pkws gleich hoch ist, ist zunächst von einer Haftungsquote 50:50 auszugehen. Die Haftungsquote des einzelnen kann sich jedoch erhöhen durch verkehrswidrige Fahrweise, besonderes Verschulden, Mangelhaftigkeit der Vorrichtungen seines Kfz (Bremsen, Reifen usw.), risikobehaftete Verkehrsvorgänge (Überholen usw.).

In der nächsten Ausgabe werde ich Ihnen einige häufige Unfallkonstellationen und deren rechtliche Bewertung vorstellen.

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