Verkehrsrecht: Wer hat Schuld am Unfall? (2/2)

von Michael Forster

 

Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen, in der letzten Ausgabe habe ich versucht Ihnen zu veranschaulichen, wie Verschuldensquoten bei Verkehrsunfällen dem Grunde nach gebildet werden. Im Folgenden möchte ich ein paar „Klassiker“ vorstellen.

Linksabbieger-Überholer-Unfall:

Eine sehr häufige Unfallkonstellation stellt der Zusammenstoß eines linksabbiegenden mit einem in diesem Moment überholenden Fahrzeug dar.

Sowohl das Überholen als auch das Linksabbiegen stellen an sich gefährliche Fahrmanöver dar, so dass an die Durchführung beider höchste Anforderungen zu stellen sind. Überholen darf daher nur, wer übersehen kann, dass während des ganzen Überholvorgangs jede Behinderung des (Gegen-)Verkehrs ausgeschlossen ist. Andererseits trifft den Linksabbieger die doppelte Rückschaupflicht.

Wenn keinem der beiden Beteiligten ein grobes Verschulden nachgewiesen werden kann, so ist davon auszugehen, dass der Linksabbieger die doppelte Rückschaupflicht missachtet hat, während der Überholer bei unklarer Verkehrslage überholt hat. Die Quote liegt in diesen Fällen meist im Bereich 2/3 Verschulden des Linksabbiegers, 1/3 Verschulden des Überholers.

Selbst wenn der Linksabbieger beweisen kann, dass er rechtzeitig geblinkt und sich ordnungsgemäß eingeordnet hat, wird es ihm im Regelfall nicht gelingen, eine Haftungsquote unter 50% zu erreichen.

Überholen einer Kolonne:

Beim Überholen einer Kolonne gelten dieselben Grundsätze. Es ist nicht verboten, Kolonnen zu überholen. Jedoch erfordert es ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit.

Schert ein Fahrzeug aus der Kolonne vor dem Überholer aus und es kommt zu einem Zusammenstoß, so haftet der Ausscherende je nach den Umständen des Einzelfalles zu 50 bis 80%.

Unfälle mit Kindern:

Bis zur Vollendung des 10. Lebensjahres können Kinder für Schäden, die durch ihr Verhalten an einem Pkw entstehen, nicht zur Verantwortung gezogen werden, es sei denn, sie handeln vorsätzlich. Fährt also z.B. ein Kind mit seinem Fahrrad in einen Pkw, so wird dem Pkw-Eigentümer dieser Schaden nicht erstattet.

Vom 11. bis zum 18. Lebensjahr kommt es auf die persönliche Entwicklung des Kindes an.

Reißverschlussverfahren:

Bei Anordnung des so genannten Reißverschlussverfahrens haben sich die Benutzer der gesperrten Fahrbahn nicht frühzeitig einzuordnen, sondern bis zur engen Stelle heran zu fahren und sich danach im angeordneten Verfahren wechselseitig einzuordnen. Will ein Fahrer, der sich auf der nicht gesperrten Fahrbahn befindet einen anderen Pkw nicht einfädeln lassen und kommt es daraufhin zum Zusammenstoß, so trifft ihn meist ein Mitverschulden von 1/4.

Ausweichen:

Weicht ein Fahrzeug einem auf seiner Fahrbahn entgegenkommenden anderen Fahrzeug oder einem vorfahrtnehmenden Fahrzeug aus, um einen Zusammenprall zu verhindern, so haben der Fahrer, der Halter und die Pkw-Haftpflichtversicherung des einen PKW die Schäden des Ausweichenden zu ersetzen.

Sehr problematisch hierbei ist, das Verschulden des Anderen im Nachhinein zu beweisen, da dieser ja in den Unfall nicht unmittelbar verwickelt war.

Begegnungsunfälle:

Sehr problematisch sind auch Unfälle, bei denen sich zwei Fahrzeuge streifen, weil eines der beiden über seine Fahrbahn hinausgekommen ist.

In diesen Fällen kann oft nicht objektiv festgestellt werden, wo die Berührung erfolgte. Beide Pkw´s kommen erst ein Stück hinter dem Kollisionspunkt zum Stillstand. Eventuell erzeugte Scherben verteilen sich großflächig.

Kann man sich in einem solchen Fall nicht auf die Zeugenaussagen eines Beifahrers oder Beobachters berufen, wird man von einem hälftigen Verschulden beider Parteien ausgehen.

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